Die Vision Quest wagen

Vision Quest – Ein Initiationsweg in die innere und äussere Landschaft

 

Der Ruf war stark, die Zeit war reif diesen Schritt zu gehen.

Mit den „äußeren“ Abläufen hatte ich mich auseinandergesetzt. Der Kern der Vision Quest, der Höhepunkt,

besteht darin vier Tage und vier Nächte allein, ohne Dach über dem Kopf, fastend in der Natur zu verbringen. Zusammen mit einer Absicht, einem Satz für den es sich lohnt, diese Situation auf sich zu nehmen. Die Vision Quest gliedert sich in drei Teile, die Phase der Loslösung, die Phase der Schwellenzeit / Liminalzeit / Auszeit und die Phase der Wiedereingliederung / Integration / Inkorporation. Der Verzicht auf alles, was für uns europäische Menschen als Grundbedürfnis angesehen wird. Woher kommt so eine Idee? Welches Bedürfnis, welche Absicht steht dahinter, das Menschen so etwas heute tun?

Übergangsrituale und Visionssuchen gab es auf unterschiedliche Art und Weise in fast allen Kulturen unserer Erde.

In den indigenen Kulturen Asiens, Afrikas, in Australien und auf dem amerikanischen Kontinent ist das schamanische Weltbild bis heute noch anzu-treffen und das darin enthaltene Initiationsritual ist noch lebendig. Die Grundstruktur dieses Ritus weist Kontinent übergreifend große Ähnlichkeit auf. Bei den Germanen wird es in Odins Runenerwerbung deutlich, den Gang in die Wüste kennen wir aus Bibeltexten und die Gralssuche, die Parzivallegende weisen keltische Spuren auf. Aber auch in Mär-chen und Mythen entdecken wir einen ähnlichen Duktus. Es geht darum, Übergängen im Leben eine besondere Aufmerksamkeit zu geben, um sie so bewusst wie möglich auf verschiedenen Ebenen manifestieren zu können. Die klassischen Übergänge im Leben sind Geburt, Pubertät, frühes Erwachsenwerden, Heirat, Kinderbekommen, Eltern sein, Kinder loslassen, Weisheit des Alters, Sterben und Tod. Jede neue Phase im Leben ist ein sterben lassen und ein neu geboren werden. Dies zu feiern, zu betrauern, zu sehen und zu würdigen lässt uns reifer und ganzheitlicher unseren Lebensweg beschreiten. Es lässt uns immer mehr zu uns kommen, in unser Innerstes, unser Zuhause.

Entscheidend ist für uns heute die Übersetzung in unsere jetzige Kultur, in unser modernes Leben.

Meredith Little und Steven Forster haben in Amerika durch eigene tiefe Forschungsarbeit in diesem Gebiet die „School of Lost Borders“ gegründet. Seit mehr als 30 Jahren haben sie diese Arbeit entwickelt und erprobt. Viele der in Deutschland oder Österreich tätigen Visionssucheleiter haben ihre Ausbildung dort gemacht . Aber auch hier in Deutschland gibt es eine ständige Weiterentwicklung dieser Arbeit.

Was bedeutet es also ganz persönlich so eine Zeit zu erleben?

Visionssuchen werden an verschiedenen Orten und Landschaften angeboten. Ich glaube jeder weiß genau, welche „Art von Natur“, welche Landschaft zu ihm persönlich und zu seiner Situation passt!  Für mich waren es nicht die grünen Wälder oder die einheimischen Berge, die mich gerufen haben. Mein Weg ging in den Sinai, in die heiligen Berge unserer Urmütter und Urväter.

Eine völlig gemischte Gruppe von 12 Menschen traf sich Anfang März in München am Flughafen. Zwei Visionssucheleiter und drei Assistenten. Fremd und doch nicht fremd waren wir uns bei der ersten Begegnung. Wussten wir doch, das wir gemeinsam eine tiefe Zeit erleben werden, gehalten und getragen von der Natur, von dem Geist des Ortes, aber auch von Menschen, die uns Schritt für Schritt begleiten würden.

Nach einem Tag Reisezeit kamen wir schließlich in unserem Basislager an.

Ein alter Beduinengarten, bestehend aus zwei Mandelbäumen, zwei Granatapfelbäumen, einem Wasserbrunnen und gehalten durch eine wunderschöne Steinmauer. Von hier aus sollten wir nach vier Tagen Vorbereitungszeit in unsere Solozeit starten. Die vier Tage Vorbereitungszeit hat uns als Gruppe zusammenwachsen lassen. Durch die Arbeit mit dem Medizinrad und durch kleine Wanderungen in die Umgebung mit gezielter Fragestellung wurden die individuellen Themen jedes Einzelnen mit Exaktheit, tiefem menschlichem Wissen, der Kunst des Spiegelns, therapeutischem Hintergrund und einer großen menschlichen Wärme herausgeschält.

Eine für mich unglaubliche Leistung.

Schon hier war klar zu sehen und zu spüren, welche Qualität entsteht, wenn Mensch und Erde in tiefem Austausch und Wissen stehen und zusammenarbeiten. Wir arbeiteten darauf hin, das jeder von uns seine persönliche Absicht formuliert und daraus einen Satz formte, für den es sich lohnt, vier Tage und vier Nächte allein hinauszugehen. Schon in dieser Zeit wurde mir selbst, aber auch allen anderen Teil-nehmern klar, was es bedeutet, sich einem Ort oder der uns umgebenden Natur so tief hinzugeben. Hier wurde ein Verbinden mit der Erde sichtbar, welches unmittelbar auf der körperlichen, mentalen, seelischen und spirituellen Ebene wirkte. Welches aber auch unsere eigenen Ängste, Muster, Schatten und Blockaden ungefiltert und unerbittlich aufzeigte. „Ein Verbinden unserer Psyche mit der Psyche der Natur “.

Die Weite des Sinai mit seiner großen Stille, die Kraft dieser Urlandschaft brachte mich immer mehr zum äußeren und inneren Schweigen, dadurch entstand Raum für ein aufmerksames und bewusstes inneres Fühlen und Sehen.

Die Vorbereitungszeit neigte sich zu Ende. Die intensive Zeit des Forschens, welches Thema zum jetzigen Zeitpunkt meines Lebens angeschaut, bestätigt und geheilt werden wollte stand klar und deutlich vor mir. Viele Erkenntnisse, Verzweiflung, Weinen und Lachen wechselten einander ab, schließlich Erlösung, etwas in mir gesehen und ausgesprochen zu haben, was noch nie ausgesprochen wurde in meinem Leben. Alles hatte hier Raum.

Und die Erde, die Natur um uns herum? Was war mit ihr, wie reagierte sie auf uns?

Mit jeder Stunde, mit jeder Nacht und mit jedem Tag, wuchs ich inniger mit ihr zusammen. Das Fremde der Steinwüste, die wenigen wunderschönen kleinen Wüstenpflanzen, die Stimme der Winde, die Tiere die sich uns zeigten, erinnerten mich an eine Stelle in mir, welche diese Art von Sein als völlig selbstverständlich kannte? Und auch die Gesichter der Menschen um mich herum begannen sich zu verändern. Egal woher und aus welchen unterschiedlichen Leben wir zusammen gekommen waren, alle fanden langsam in ein Feld hinein, welches geprägt war von einer Zugehörigkeit zu allem was uns umgab. Ein großes Einheitsgefühl trat immer mehr in den Vordergrund. Es begann ein Dialog mit allen Wesen um uns herum. Steine und Pflanzen, Tiere und Winde, Sonne und Sterne begannen sich zu offenbaren.

Die letzte Nacht in Gemeinschaft lag vor uns. Beim Abendessen am Beduinenfeuer wurden noch wichtige, praktische Anweisungen gegeben. Das Minimum an Gepäck für vier Tage Auszeit wurde gepackt und eine freudige, ängstliche und erwartungsvolle Stimmung breitete sich aus. Schließlich saßen wir alle schweigend um das wärmende, lebendige Feuer, eng aneinander gerückt, wohl wissend das wir bald allein mit unseren  inneren Themen auf unseren ausgesuchten Plätzen sitzen werden. Am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang wurden wir rituell in unsere Auszeit entlassen. Jeder von uns zog los zu „seinem Platz „, einsam, irgendwo in der Wüste. Es war als ob Mensch, Erde und Himmel nun immer mehr verschmolzen.

Ich freute mich auf meine Zeit.

Als erstes richtete ich mir meinen Platz ein. Mein Schlafsack fand seinen Schlafplatz, mein Wasser, meine kleinen vertrauten Kraftgegenstände bekamen ihren Platz. Und nun? Es gab nichts mehr zu tun. Gar nichts mehr. Keine Termine, keine Mahlzeiten, keine Gespräche mit anderen Menschen, keine Aufgaben, kein müssen, kein sollen, nichts. Es gab nur meine innere Landschaft und diese unendlich große Landschaft um mich herum. Und Zeit, unendlich viel Zeit diese zu erforschen, immer wieder neu kennen zu lernen, aufmerksam zu sein für alles, was sich zeigte. Kleine Wanderungen und Spaziergänge begleiteten mich in den ersten Tagen. Wildesel, Steinadler, Smaragdeidechsen und ein Wüstenfuchs zeigten sich mir.

Es fing an lebendiger zu werden, in mir und um mich herum. Und nun konnte ich mir selbst nicht mehr entfliehen. Gefühle stiegen immer mehr in mir auf. Meine eigenen Schatten, meine Ängste machten sich in mir breit, wollten gesehen, gehört und beachtet werden. Durch das Fasten wurde ich schwächer, durchlässiger und von einem bestimmten Punkt an überkam mich Schwäche, die es nicht  zuließ dagegen zu kämpfen. Und die Natur? Sie war da, sie war einfach da und lies mich Sein so wie es war, absichtslos. Und ich? Ich gab mich ihr immer mehr hin, eine tiefe Hingabe, die ich so vorher noch nicht erlebt hatte. Ich dachte, ich hätte sie schon erlebt, doch diese Tage zeigten es mit neu. Das Gefühl der völligen Verschmelzung mit dem „Außen“, machte sich breit. Ich begann anders zu hören und zu sehen.

Die Landschaft um mich herum begann zu singen, sich auf immer neue Weise zu zeigen. Ich fing an mit dem Atem der Erde zu atmen, tief, frei, weit. Und es gab viele Stunden, in denen ich im Duett mit der Erde sang. Nachts fing der Sternenklang an und lies mich viele Stunden ergriffen zuhören. Ich war so unendlich tief geborgen unter diesem Sternenzelt.

Irgendwann löste sich mein Zeitgefühl auf, wie lange war ich schon hier draußen Zuhause?

Ja, es war ein Zuhause geworden, ein Zuhause in mir und um mich herum.

Kleine Steine zeigten mir die Zeit an und so war irgendwann der letzte Tag angebrochen und die letzte Nacht stand bevor. Mittlerweile war ich zu schwach geworden um zu laufen. Angeschmiegt an einen Felsen hatte ich mir einen bequemen Sitz gemacht und saß einfach nur noch da. Eine unendliche Ruhe hatte sich in mir ausgebreitet. Die schwarzen Basaltbänder, die sich durch die rötliche Steinwüste zogen waren wie schwarze Schlangen, die in ihrer Urkraft durch die Erde zogen. Ich konnte sehen, wie die Gestalten des alten Testamentes durch diese heiligen Berge zogen und ich war dankbar, diese Heiligkeit zu spüren. Die Heiligkeit jedes Menschen, die Heiligkeit der Erde und des Himmels wurde mir klar und selbstverständlich. Die letzte Nacht brach an, es sollte eine Wachnacht werden. Eine Nacht, in der ich spürte das ich nie mehr der Mensch sein würde, der ich vorher war. Es war eine zweite Geburt.

Als die Sonne aufging, packte ich meine wenigen Sachen zusammen, verabschiedete mich von meinem Platz und ging langsam wie eine Schnecke zu unserem Basislager zurück. Langsam tauchten auch die anderen Menschen aus der Wüstenlandschaft auf.  Ich freute mich auf die Menschen und auf die Gemeinschaft, aber es gab auch Traurigkeit in mir, denn ich wusste, das dieser innige, verbundene Zustand im Alltag nicht zu halten war. Doch das Wissen um dieses Gefühl würde ich nie mehr verlieren.

Wie hatten wir uns alle verändert!

Ja, wir waren die gleichen und doch auch wieder nicht. Ein großes stilles Leuchten umgab uns. Die Augen strahlten eine Reinheit aus, die Körper hatten sich in ihren Bewegungen der Erde angepasst. Hier war ein tiefer Wandel passiert, ein Wandel in unsere wahre Natur hinein und damit in die Natur in der wir leben.

Die Eingliederungsphase begann. Das Fasten wurde gebrochen, langsam kamen wieder Gespräche in Gang. Und dann gab es noch eine unendlich tiefe, wichtige Zeit. Das Erzählen der eigenen Geschichte und das Hören der Geschichten der Anderen. Gespiegelt von den Ältesten, den Leitern. Nochmals öffneten sich Welten, Menschenwelten.

Bei fast jeder Geschichte klangen auch Teile in mir an. In unserer Mitte hatte sich die Liebe offenbart. Die Liebe zu jedem Menschen, zu seiner Geschichte, zu seinem Ringen. Es war, als ob sich eine große wunderschöne Blume vor uns öffnete. Die Herzen waren offen und wo so viele Herzen von Menschen wirklich offen sind und das eigene auch, stockt einem der Atem vor lauter Liebe. Und das prägt sich tief in die eigene Seele ein.

Auch diese Zeit schloss sich langsam. Das Gepäck wurde wieder auf die Kamele geladen, der Platz gesäubert, die letzten Wüstenphotos gemacht. In einem großen Dankesritual verabschiedeten wir uns mit der Bitte um Wasser für diesen Flecken Erde und für die Menschen. Die Heimreise begann, langsam, Schritt für Schritt kamen wir unserem Zuhause wieder näher, unseren Familien, unseren Freunden und Arbeitskollegen. Äußerlich waren wir fast die gleichen geblieben, innerlich waren wir nicht mehr dieselben. Zeit würde es brauchen, das Durchlebte Schritt für Schritt in unser altes Leben zu integrieren, als Grundlage, um Neues im Leben zu gestalten.

Nach solchen Erlebnissen stellen sich Fragen, ob eine Landschaft sprechen kann, ob Steine und Pflanzen mit uns kommunizieren oder wie die Stimme eines Ortes sich ausdrückt, nicht mehr. Die Sorge und Fürsorge für unsere Erde wird selbstverständlich. Nicht aus der Vernunft heraus, sondern aus einem tiefen eigenen Erleben. Es braucht nicht viele Worte, es wird natürlich.

Hier an dieser Stelle wird für mich die produktiver Verbindung von Geomantie und Visionssuche sichtbar. Menschen in diese Selbstverständlichkeit, hin zu sich selbst und zu unserer Erde zu führen. Und letzten Endes bin ich dabei nur Hebamme, die Natur macht die Hauptsächliche Arbeit. Beides die Geomantie und die Visionssuche sind wundervolle und kraftvolle Wege, diesen für uns Menschen so oft verlorenen Bezug zur Erde und damit zu uns selber wieder zu finden.

Worte oder Gebete wie dieses, lassen uns poetisch ausdrücken, wie so eine Zeit erlebt wurde:

Land der tiefen Stille, der unendlichen Weite, der erbarmungsloser Nacktheit. 

Land der stillen Worte, der sich offenbarenden Lebendigkeit, der unendlichen  Schönheit.

Ganz eingetaucht sind wir in Dir. Eingetaucht in deine machtvolle Heiligkeit,

Eingetaucht in Sonne und Sternenhimmel, in Wind und Stein, in Pflanze und Tier.

Eingetaucht in deinen großen Frieden.

 Sowie die Urmütter und Urväter durch dieses Land zogen,

sich selbst suchend und findend, ziehen wir durch dich hindurch, uns selbst suchend und findend.

 Und wir wurden aufgenommen, gehört, gesehen, geläutert, uns selbst zurück gegeben.

Hab Dank, hab Dank, hab großen Dank!

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