Im Land der schwarzen Madonnen – die Auvergne

Oft fängt eine Reise schon viel früher an, als wir meinen.

Egal, was für Hintergründe, was für ein Ziel diese Reise hatte, wir sind nicht mehr dieselben, die wir vorher waren.

Eine neue Landschaft hat sich in uns eingeprägt, wir wurden mit einer anderen Kultur konfrontiert oder wir sind Menschen begegnet, die uns herausforderten, berührten oder in ihre Heimat einluden. So kommen wir wieder nachhause und in uns haben sich neue Türen geöffnet, wir haben neue Gedanken gedacht, die uns kreativ und geistig bereichern, die uns eine andere Stellung in unserem Leben einnehmen lassen als vorher.

So eine Reise begann in der Auvergne, im Land der Vulkane und der heißen und kalten Quellen, des feuerroten Sandsteintales und der sattgrünen Wiesen. Im Land der Drachen und Schlangen, der Täler und Flüße, die am Fusse der meterhohen Vulkankegeln ruhen. Hier in dieser Landschaft, gibt es die größte Dichte der romanischen Schwarzen Madonnen. Sie haben uns gerufen oder wir haben uns rufen lassen. Sie tauchen auf aus jahrhunderte langer Versenkung. Es scheint als suchten sie sich selbst wieder im Raum unseres menschlichen Bewusstsein.

Immer wieder erschien Sie in inneren und äußeren Bildern und in Träumen.

Und irgendwann war es uns klar diesen Ruf zu folgen und eine Reise in die Auvergne zu machen, mit der Ausrichtung diese Reise für eine Gruppe von Menschen anzubieten. Denn sie rufen nicht nur uns, sondern immer mehr Menschen der heutigen Zeit. Sie wollen uns etwas mitteilen, etwas lehren, auf etwas hinweisen, das für unsere heutige Zeit relevant zu sein scheint.

In der Reisevorbereitung durchforsten wir die Literatur, die es über dieses Thema gibt. Verschiedene Spuren begegnen uns. Der aus dem neolithischen Kult um die Verehrung besonderer Steine, besonders des seltenen schwarzen Meteroiten oder  des Vulkangesteins, der noch im flüssigen Zustand aus dem Inneren, dem Mutterbauch hervorquilt und eine Metamorphose durchlief, bevor er zu einem festen Stein erstarrte. Das Göttliche war transzendent, der Stein barg aber die Energie der Gottheiten in sich. Zu finden in der Kaaba von Mekka, bei den Semiten im Astarteheiligtum von Byblos, dem schwarzen Stein der Artemis in Ephesos uvm. Vorgängerin der Kulte um die Almamater, die Große Mutter, auch zu finden in den Kulten der Isis, des Mithraskults, der Kybele, der Ägyptischen Hathor, soll die Schwarze Madonna sein. Finden wir doch auch dort Bildnisse einer großen, dunklen Göttin, mit einer männlichen Figur auf dem Schoße. Der „Göttin“ die uns in den germanischen, keltischen Kulturen begegnet. Die Gaia, die schwarze Erde, die Erdmutter, die die Menschen aus ihrem Schoß gebiert und sie wieder zu sich nimmt. Die Fruchtbarkeit, Gebären und Sterben, Unterwelt und Unbewusstes meint.

Uns begegnet die Aurora consurgens, eine alchemistische Schrift aus dem 14. Jh. die das Thema der Sophia, verbunden mit dem Hohenlied der Liebe aufnimmt. Die Weisheit als still schaffender, dunkler Ursprung des Seins.

Darüber geht die Spur weiter zu den gnostischen Strömungen, die schließlich in der Zeit der Entstehung schwarzer romanischen Madonnen in Verbindung mit den Templern und Katharer gebracht wird. Uns begegnet die Gestalt des Bernhard de Clairvaux und des Zisterzienserordens. Die Islamischen Bruderschaften, sowie die Zeit der Minne und der Troubadoure. Das Thema des heiligen Grals, der Arthussage und des Avalonmythos taucht auf. Genauso Spuren die in die  atlantische Kulturepoche hineinreichen.

Uns begegnet der Feminismus, die Matriachale Forschung alter Kulturen, die Auseinandersetzung mit der heutigen Genderthematik. Und noch einiges mehr.

Eine Fülle an Möglichkeiten, der Schwarzen Madonnen zu begegnen, sie zu versuchen zu verstehen, zu begreifen. Eine Fülle, die ersteinmal überfordern kann, die gleichzeitig die Weite des Themas andeutet. An keine möchten wir uns festnageln. Das innere Gefühl tritt auf, nichts festzuhalten, einfach zu hören und nichts in eine Richtung festzuzurren.

So starten wir mit unserer Reise. Spätestens beim Anblick der Vulkanlandschaft werfen wir alle Ideen und Spuren ersteinmal von uns und lassen uns in diese Landschaft hineinziehen. Eigene, einfache Bilder treten vor uns hin. Da kommt Jim Knopf mit seiner Lokomotive Emma vorbei, im Drachenland, wo die Vulkane rauchen und spucken und es gilt die Prinzessin LiSi zu befreien. Da begegnen uns die Bilder der Vichyflaschen mit seinem bekannten Wasser und dem wundervollen grünen Krater eines Vulkanes. Die kleinen Dörfer der Auvergne nehmen uns in ihrer ursprünglichen Einfachheit auf und erzählen von einem Leben auf dem Lande, wo die Zeit sich anders verhält.

Die Verschiebung der Zeit begleitet uns weiter.

Wir erleben sehr bald, dass wir die schwarzen Madonnen wirklich suchen müssen. Die Orte und Beschreibungen, die wir vorher gesammelt haben, stellen sich als relativ heraus.

Wir fahren durch Täler, Schluchten, über Vulkanberge und landen in kleinsten Dörfchen. Die erste Begegnung mit einer schwarzen Madonna geschieht durch ein schmales Ostfenster einer uralten Krypta, die seit vielen Jahren verschlossen scheint. Wir sehen ihren Rücken, können in die wunderschöne, uralte romanische Rundkrypta hineinschauen, doch von Mensch und Schlüssel keine Spur. Dann wiederum öffnen sich zugeglaubte Türen, die uns in ein Innenhof führt, durch ein Baugerüst fast nicht zugänglich und wir stehen vor einem schwarzen Madonnenrelief.

Und so geht es weiter. Mal müssen wir nach den Schlüsseln der Kirchen das Dorf durchforsten, dann wieder geht eine Tür ganz leicht auf und wir stehen vor einer wunderschönen schwarzen Madonna, aber gut gesichert in einem Glastresor, mit hinweis auf Alarmbereitschaft, wenn wir zu nahe treten.

Im 13. Jahrhundert endete ihre 300 jährige Blüte, später in der französischen Revolution wurden sie massenhaft verbrannt und teilweise vom Volk versteckt um sie zu bewahren. Dann jedoch oftmals über Generationen vergessen. Schon seit einiger Zeit tauchen sie wieder auf, gefunden in ihren Verstecken oder auch einfach hinterm Brennholzstapeln. Gleichzeitig sind sie verstreut in internationalen Museen, denn ihr Wert als Kunst- und Kulturgegenstand wurde entdeckt. Doch gerade dieser wiedererkannte Wert wird für die Madonnen zum erneuten Angriff. Denn nun dürfen die die längst wieder auf ihrem alten Platz in einer kleinen Dorfkirche standen, dort nur noch in alarmgesicherten Glaskästen oder hinter Gittern stehen. Andere werden aus Sicherheitsgründen aus den Kirchen genommen und in unzugänglichen Tresoren verwahrt. Kaum eine Madonna steht noch auf ihrem ursprünglichen Platz.

Ihr ursprünglicher Standort war am Quellheiligtum, im hohlen Baumstamm, in der Grotte, der Krypta, im Naturraum. Befremdlich ist es heute zu ihr aufzublicken, wo sie doch in ihrer Zeitlosen Würde nichts Überhebliches hat, sondern dem Menschen gewidmet ist, sich selbst in seinen Möglichkeiten zu erkennen. Für jeden einzelnen aber auch für die gesamte Menschheitsentwicklung. Sie regen, an sich tief zu versenken, ihr Blick verweist auf etwas Größeres als die irdische Geborgenheit im Mutterschoß.

Und die Vulkane?

Warum finden wir genau in dieser Gegend so viele Schwarze Madonnen? Wir bemühen uns tiefer die Eigenschaften eines Vulkanes zu verstehen. Dort wo die Erde sich nicht einfach einmal nur aufgebäumt hat, sondern wo immer und immer wieder über abertausenden von Jahren die Erde eine Geste vollzieht. Ihr Innerstes nach außen zu wenden. Im geomantischen Kontext wissen wir, dass es hier nicht nur um physikalische Vorgänge geht, sondern dass ein Landschaftsorganismus hier mit Bewusstheit etwas vollzieht. Orte der immerwährenden Wandlung, denn die Geschichte ist noch nicht zu Ende. In der Auvergne finden wir Vulkane aller Alterstufen, und eines fernen Tages kann es wieder Ausbrüche geben. Vulkane bringen eine Kraft, eine Energie an die Erdoberfläche, die Jahrhunderte lang wie in einem Erdmutterbauch geschlummert haben. Wie ein tiefes Herdfeuer der Erde, auch „ Hot Spot“ genannt, brodelt das flüssige Gestein vor sich hin, bis irgendwann in der Erdplatte ein Loch schmilzt und ein Vuklanschlott oder Kamin ensteht; Der Beginn eines Vuklanausbruches. In dem Moment speit der Vulkan das rotglühende Magma aus, sobald dieses aus der Erde austritt wird es als Lava bezeichent. Was für eine glühende, umformende Kraft aus der Tiefe der Erde steigt wissen wir. Oft ensteht erstmals Zerstörung, Chaos, Tod, doch dann über Jahrhunderte hinweg bilden sich neue Welten. Das Lava bringt unglaubliche Fruchtbarkeit mit sich. In den erkaltenden Gaskammern und Hohlräume des vulkanischen Gesteins, bilden sich große, perfekt geformte Kristalle, Diamanten, Brillanten, Achate, uvm. So sehen wir, dass die Auvergne in ihrer behüteten Erddunkelheit, Stätte aus edelsten Kristallgestein gebildet hat. Und die Schwarze Madonna berührt und erinnert an diese Erdschätze, die alle in einer tiefen Symbolik zu uns Menschen stehen.

Und hier schließt sich der Bogen wieder zur Schwarzen Madonna. Die aus der Urfinsternis heraustritt in die Sichtbarkeit. In einer Landschaft sich besonders zeigt, die neben vielem anderen auch diese Aussage hat: Das Leben ist immer im Wandel, hier ist eine Keimzelle des sich immer erneuernden Lebens. Doch es geht nicht nur um den Erdbezug, den so wie der Vulkan Verbindung schafft zwischen Himmel und Erde, dem Himmel sich zuwendet. Männliches und Weibliches sich begegnet. Es geht um die Verbindung zur geistigen Welt, und die Verbindung zum Menschen.  Der Vulkan bricht nicht sinnlos aus, das Land ist Fruchtbarer danach, das Leben ist reicher geworden. Das Leben hat sich auf eine nächste Stufe entwickelt.

Ihr Blick liegt zwischen innen und außen. Neutral und doch ganz sehend.

Immer sitzt Sie auf einem Holzthron, ruhig, gelassen, präsent und doch weit weg. Als ob sie weit über das Leben von uns Menschen blickt, in Räume und Ebenen, die uns zumeist verschlossen sind und die wir in bestimmten Momenten unseres Lebens erahnen können.

Wie Kaskaden und Wellen liegt ihr Gewand um ihren starken, reifen Frauenkörper. Manchmal liegt ein Schmuckgebinde um ihren Hals, meist ursprünglich aus Silber, dann wieder ziert ein Bergkristall oder andere Edelstein eine bestimmte  Stelle ihres Körpers. Und wir spüren sofort, dass dies kein Schmuck im herkömmlichen Sinne ist. Es steht eine tiefere Bedeutung dahinter.

Jesus sitzt  als erwachsener Mann, eigenständig auf ihren Schoß, meist mit einem Buch in der Hand.  Er ist der junge Mann

der bereits im Tempel war, hält das Buch des Lebens in der Hand. Er ist der Weisheit bereits begegnet.Lehnt sich jedoch nicht an Sie an, sondern sitzt auf ihrem Schoß, sie ist seine Heimat, doch er ist autark. Sie, mit ihren übergroßen Händen hält ihm den Raum, oftmals sogar mit Abstand. Sie hält ihn nicht zurück. Der Weg für seine Entwicklung ist frei. Der Weg für die menschliche Wandlung. Es geht jedoch nicht rein um die historische Figur Jesus. Es geht auch nicht nur um eine religiöse Figur Jesus Christus, an den man glauben kann oder nicht. Es geht um das kosmische Prinzip Mensch, den Jesus Christus darstellt. Manchmal scheint sein Gesicht , wie die Madonna, in anthrogynen Zügen gestaltet zu sein. Mensch, nicht eindeutig Mann oder Frau.

Der Mensch welcher sich auf dem sicheren Schoß der Quelle befindet, aus der er hervorkommt, aufrecht, aufrichtig sitzend, selbst im Antlitz schon Züge der Weisheit in sich trägt. Alle verschiedenen Weisungsgesten die er macht und die auf  verschiedene Aussagen verweisen haben ein gemeinsames Thema: Die Handlungsfähigkeit des Menschen. In der Versenkung mit den weisheitsvollen Madonnenfiguren ist dies möglich. Bewusstheit zu erlangen über zukünftig sinnvolle Handlungen des Menschen.

Die „vierge romanesque“ oder die „Notre Dame Souterre“, wie sie in Frankreich genannt wird, ist längst ihrer Reliquien beraubt die eingelassen waren in ihre Figur, die kleinen Türchen in  ihrem Rücken oder auf ihrem Kopf stehen offen. Man könnte vermuten es ist vorbei mit der Kraft. Doch es geschieht etwas Neues, wie immer wenn wir uns mit ihnen beschäftigen. Ich kann sie rein aus Interesse betrachten und habe etwas Schönes gesehen, zweifelsohne. Oder ich gehe in eine Interaktion mit ihnen, die ganz persönliche Kraft und Aufmerksamkeit aus meiner eigenen Mitte wird zur Reliquie. Die kosmische Dimension der Madonna aktiviert sich durch mein bewusstes Handeln. Und gleichzeitig gelingt es in dieser Interaktion mich selbst zu erkennen.

Die Schnitzer der Auvergne, unbekannte Künstler, waren tief in das Wissen der Mysterien eingebunden. Wie die eingeweihten Baumeister, wussten Sie um die Bedeutung der Maße, Zahlen und Proportionen, der Farbsymboliken und der Natur- und Steinkunde, sowie um die kosmischen Gesetzte.

Und wieder zuhause klingen die Schwarzen Madonnen maßgeblich in uns nach. Neues wird in uns geboren, viel bringen wir mit, einiges wird noch Verarbeitung und Zeit brauchen, anderes fließt sofort in unser Alltagleben ein.

Was für eine Gnade sind Sie, die Raumgreifenden, stillen, weiten Madonnen der Auvergne.

Und wie wichtig, dass Sie sich wieder bemerkbar machen, in unserer Zeit! Neue Impulse werden Sie in die Welt setzten. Ganz einfach, fast bescheiden und doch so würdevoll und bedeutend.

Text: Christin Lange und Marlene Staiger

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